— Version 2/3 —
Ein neuer Herbstmorgen brach über Baker Street herein
und der Tag begann, wie die meisten mit dem einzigen Unterschied, dass dies
der erste Tag seit über einer Woche war, an dem nicht dicker Nebel die
schwächer werdenden Sonnenstrahlen zurückdrängten. Aus dem Schlaf
gerissen hatte mich indes etwas anderes.
Dumpfe Schritte waren aus dem Wohnraum zu vernehmen und bestätigten mich
einmal mehr in der Vermutung, dass mein Gefährte Sherlock Holmes ganz ohne
Schlaf auskam.
Ich gähnte herzhaft, drehte mich um und schloss die Augen. Gerade als ich
wieder eingedämmert war, vernahm ich das jämmerliche Heulen der alten
Stradivari. Allmählich gingen die kratzenden Geräusche in eine depressive
Melodie über, die mich mit sich zog in einen unruhigen Schlaf, der schließlich
jäh endete, als ein ohrenbetäubender Knall das Haus erschütterte.
Ich sprang auf, schlüpfte in meine Kleider und eilte in den Wohnraum, so
ich fast von Holmes' Federmesser getroffen wurde, das keine Handbreit vor mir
in der Kaminverkleidung steckenblieb.
»Und ich dachte schon, ich kriege Sie gar nicht mehr dazu aufzustehen«,
brummte Holmes, während er seinen mausgrauen Morgenmantel glatt strich
und seine Morgenpfeife entzündete. »Wahrscheinlich sind Sie in Afghanistan
auch nicht schneller aus den Federn gekommen.«
Ich schenkte seinen Spitzen keine Beachtung, denn ich wusste, wie übellaunig
er sein konnte, besonders in Zeiten, da er keine Aufträge hatte. »Wo
wird unsere Hilfe denn so dringend benötigt, Holmes?«
»Wenn hier jemandes Hilfe benötigt wird, dann ja wohl meine! Oder
sehen Sie das anders, Watson?«
»Mitnichten, Holmes, doch bedenken Sie: die Geschichte hätte uns
die Taten der größten Männer wohl vorenthalten, wäre nicht
ein Chronist zugegen gewesen.«
Nachdenklich blies der große Detektiv Rauchringe in die Luft. »Nun,
ich muss zugeben, Sie haben recht. Ich hoffe, Sie haben Ihren Bleistift gespitzt!«
Er warf seinen Morgenmantel ab, seine Pfeife in den Kohleneimer, nahm Hut und
Mantel von der Gardarobe und zog mich mit sich.
»Zum Essen bleibt später noch Zeit!« beantwortete er meinen
wehmütigen Blick zum Frühstückstisch.
Mir blieb gerade noch genug Zeit, meinen eigenen Hut und Mantel zu ergreifen,
bevor Holmes mich die Treppe hinunter und auf die belebte Straße zerrte.
Halb London schien auf den Beinen zu sein und geschäftig durch die Stadt
zu eilen. Trotzdem dauerte es keine drei Minuten, bis Holmes eine Kutsche für
uns organisiert hatte.
»Wollen Sie mir nicht endlich erzählen, wohin wir unterwegs sind
und worum es geht?« fragte ich, als sich unser Gefährt klappernd
in Bewegung gesetzt hatte.
Statt einer Antwort gab er mir nur einen Bogen cremefarbenen Büttenpapiers
mit dem Wasserzeichen des Londoner Universitätscolleges, auf dem handschriftlich
die folgenden Zeilen festgehalten waren:
»Verehrter Mister Holmes — ich möchte Ihnen meine Anerkennung
aussprechen. So oft es mir möglich ist, verfolge ich die Berichte Ihrer
Arbeit mit großem Interesse in den Zeitungen. Und so oft ich Menschen
treffe, denen Sie bereits mit Ihrem detektivischen Spürsinn helfen konnten,
lausche ich fasziniert den Geschichten, die man über Sie erzählt.
So ist heute womöglich der Tag, an dem ich Sie endlich persönlich
kennenlernen kann. Gestern wurde zu meiner großen Bestürzung der
Kopf unseres ehrenwerten Gremiummitglieds Professor Jeremy Bentham von seinem
angestammten Platz entwendet. Ich würde mich geehrt fühlen, wenn Sie
diesen Fall übernähmen.
Hochachtungsvoll, Prof. A. Thorpe«
»Was halten Sie davon, Watson?«
»Ich denke, Professor Thorpe ist ein Bewunderer Ihrer Arbeit, Holmes.«
»Ich glaube eher, Thorpe denkt, wenn er genug Süßholz raspelt,
erweise ich ihm einen Freundschaftsdienst. Fällt Ihnen sonst noch etwas
dazu ein?«
»Nun, ich habe schon öfter gehört, dass Professor Benthams Kopf
gerne von Studenten höherer Semester... sagen wir: «entliehen»
wird. Aber ich glaube, diese Möglichkeit hat der Professor sicher selbst
schon in Betracht gezogen.«
»Das glaube ich auch. Und wissen Sie, was ich noch glaube?«
Gerade als ich Holmes den Brief zurückgab, kam die Kutsche zum Stehen.
»Ich glaube, Sie überlassen das Reden ab sofort lieber mir, Watson.
Das hier ist mein Fall, mein Klient, mein Auftritt und Sie reden nur, wenn ich
Sie dazu auffordere, verstanden?«
Noch bevor ich Blinddarmdurchbruch sagen konnte, war er aus dem Wagen gesprungen
und überließ es mir, den übellaunigen Kutscher zu entlohnen.
»Ah, Mister Holmes — welch eine Ehre!« rief Professor Thorpe
aus und schüttelte überschwänglich Holmes' Hand. »Ich habe
schon so viel von Ihnen gehört. Ich bin ein Bewunderer Ihrer Arbeit! Und
wer ist Ihr Gefährte? Ist das Dr. Watson?«
»Ja, das ist Dr. Watson«, brummte Holmes ungeduldig und stieß
mich in die Seite.
»Ja, ich bin Dr. Watson«, bestätigte ich.
Professor Thorpe sah etwas verwirrt aus. »Nun, meine Herren, dann begleiten
Sie mich nun wohl am besten zum Ort des Geschehens.«
»Professor Thorpe«, begann Holmes seine schulmeisterhafte Belehrung.
»Ich schreibe Ihnen doch auch nicht vor, wie Sie eine Vasektomie durchzuführen
haben, nicht wahr? Na, sehen Sie. Also lassen Sie mich die Arbeit tun, weswegen
Sie mich herbemüht haben und nehmen Sie den guten Dr. Watson mit.«
Dann drehte er sich um und verschwand zwischen den Reihen frisch geschnittener
Buchsbaumhecken.
»Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass Sie in Afghanistan waren, Dr.
Watson«, sagte Thorpe, während er mich durch die Gänge der Universität
lotste.
»Ja, das ist wahr«, bestätigte ich. Mit einer Geschichte aus
dem Krieg konnte ich nichts falsch machen. Immerhin hatte Holmes keine Ahnung
davon. Ich war dort gewesen, er nicht. Er hatte diese Zeit in einem Universitätslabor
mit fragwürdigen Experimenten zugebracht.
»Und Sie wurden von einer Jezail-Kugel verwundet.«
»Ja, Sir, auch das ist richtig.«
»Wurde Ihr Bein nicht gut versorgt?«
Als der Professor meinen irritierten Gesichtsausdruck bemerkte, lachte er herzlich.
»Ihr Bein. Sie hinken leicht.«
»Nun, ich weiß nicht, wieviele Feldlazarette Sie schon gesehen haben...«
Thorpe machte eine wegwerfende Handbewegung und stieß die große
Flügeltür zum Sitzungssaal auf.
»Es ist doch allgemeinhin bekannt, dass nur Stümper sich freiwillig
als Feldärzte in den Krieg schicken lassen.«
»Nun... nun ja...«
»Nun, Dr. Watson, darf ich Ihnen vorstellen: Dr. Withers, Dr. Walken und
mein Assistent Frederic.«
Nacheinander schüttelte ich die Hand des älteren Herrn mit dem kapitalen,
weißen Backenbart, dann die des eigentlich für dieses Gremium viel
zu jungen Arztes und schließlich noch die des Assistenten. Einem jungen
Iren, seinem Haarschopf zufolge.
»Dr. Withers ist der richtige Mann für Sie, Watson. Er hat Erfahrung
mit Kriegsverletzungen aller Art!«
»Die Kugel in Ihrem Bein, was?« sagte Withers verständnisvoll
und zündete sich eine Pfeife an.
»Nun, das Wetter macht mir ein wenig zu schaffen«, antwortete ich
entschuldigend. Mir war gar nicht bewusst gewesen, wie offensichtlich ich meine
alte Verletzung anscheinend zur Schau trug.
»Dr. Withers hat diesbezüglich ein neues Verfahren entwickelt.«
»Ich nenne es die außerlazarettliche, ambulante Behandlung«,
freute der Doktor sich und holte ein blitzblankes Skalpell hervor. »Bloß
ein kleiner Schnitt, der Übeltäter wird entfernt und schon ist alles
wieder in Ordnung.«
»Aber...!« versuchte ich zu wiedersprechen.
»Nichts aber, Dr. Watson! Wissen Sie denn nicht, dass man selbst an den
Überresten eines Schrapnells durch eine Bleivergiftung sterben kann?«
»Aber diese Kugel enthielt gar kein Blei!«
»Papperlapapp! Nun stellen Sie sich nicht so an, Sie sind doch schließlich
selbst Arzt und wissen, dass man für die Forschung Opfer bringen muss!«
rief Thorpe aus und Withers packte mein Hosenbein.
»Meine Herren, ich bitte Sie...!«
»Ist die Kugel hier?« fragte Withers aufgeregt und betastete meine
Wade.
»Die Kugel steckt eindeutig höher, aber ich glaube nicht, dass...«
»Professor Thorpe!« erhob mein werter Gefährte Sherlock Holmes
seine Stimme. Gerade im rechten Augenblick. Alle hielten in ihrem Tun inne.
Thorpe, der seinen Kollegen ermutigt hatte, Withers, der mir mit seinem Skalpell
gefährlich nahe gekommen war, Walken und Frederic, die Kollegen und Mentor
fasziniert beobachtet hatten und sogar der einbalsamierte Bentham schien in
seinem Holzkasten ein wenig aufrechter zu sitzen, seit Holmes den Raum betreten
hatte.
»Ihre Universität hat doch sicher einen Ruf zu verlieren.«
Dr. Withers ließ so abrupt von mir ab, dass ich fast zu Boden stürzte.
»Sagte ich nicht, Sie sollen sich zurückhalten, Watson?«
Er warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, bevor er sich an die Gremiumsmitglieder
wandte.
»Was tun Sie da überhaupt, meine Herren? Hat Watson Ihnen nicht erzählt,
dass es gar keine Kriegsverletzung gibt? Eigentlich war er nur ein bisschen
ungeschickt, als er vor ein paar Monaten aus dem Hansom gestiegen ist, aber
er hat erkannt, dass diese Masche bei betuchten Witwen recht gut funktioniert.«
Welch infame Lüge ich da aus dem Munde meines Gefährten vernehmen
musste. Andererseits kannte ich Holmes inzwischen lange genug, um zu wissen,
dass er nie etwas Unüberlegtes tat oder sagte. Also setzte ich mich zu
dem Professor an den Tisch, versuchte, möglichst unbeteiligt dreinzuschauen
und warf dabei — vorbei an Dr. Withers, der sein Skalpell wieder einpackte,
einen Blick auf den präparierten Dr. Bentham. Wie er da so mit seinem Stock
an dem kleinen, runden Tisch saß, sah er ohne Kopf doch sehr absonderlich
aus.
»Nun, Mister Holmes«, meldete sich der junge Walken zu Wort, »eigentlich
hatte wir uns eher einen Hinweis über den Verbleib von Professor Benthams
Kopf denn über Mr. Watsons Gesundheitszustand erhofft.«
»Sie meinen, ich war doch eigentlich gekommen, um nach dem hier zu suchen«,
entgegnete Holmes und legte ein Bündel auf den Tisch, das sich sogleich
als der unversehrte, präparierte Kopf von Professor Bentham erwies.
Ein Raunen ging durch den Raum.
»Aber wie zum...« stammelte Walken.
»Wir haben doch alles durchsucht«, sagte Withers nachdenklich.
»Sie sind großartig, Mr. Holmes, noch viel besser als in den Berichten,
die man über Sie liest«, rief Thorpe aus.
Doch der junge Student war es, der die entscheidende Frage stellte: »Wo
haben Sie ihn gefunden?«
Holmes antwortete mit einer Gegenfrage: »Wohnen Sie in Zimmer 18?«
Aus dem Gesicht des Studenten wich jegliche Farbe.
Das von Dr. Withers färbte sich hingegen puterrot. »Die verdammten
Iren!«
»Dasselbe sagt Ihre Frau vermutlich auch über deren Landsmänninnen.«
»Was hat denn das nun schon wieder zu bedeuten?«
»Sie sollten nicht so borniert sein zu glauben, dass Ihre Frau nichts
von der Affäre mit Ihrem Dienstmädchen wüsste.«
»Ich...!« Withers schnappte nach Luft und wurde bleich. »Wie
zum Teufel...?«
»Wie? Nun, das ist ganz einfach, um nicht zu sagen: elementar! Watson,
erklären Sie es ihm.«
Holmes beobachtete mich mit strengem Blick aus zusammengekniffenen Augen heraus
und nahm mein Gestammel mit einem missbilligenden Brummen zur Kenntnis.
»Watson, Sie sind wirklich eine Schande für mich. Also, Dr. Withers,
da ist zunächst einmal das lange, rote Haar auf Ihrer Jacke und der Schuhcreme-Fleck
am Kragen Ihres Hemds. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Sie selbst den Schmutzfleck
an dieser Stelle verursacht haben, und ich halte es für genauso unwahrscheinlich,
dass besagtes Haar von Ihrer Frau stammt. Sie sind schon lange mit ihr verheiratet.
Ihr Ehering und die silberne Tabaksdose, die sie Ihnen geschenkt hat, zeugen
davon. Frauen ihres Alters tragen ihr Haar für gewöhnlich nicht offen.
Ergo: Sie haben eine Bedienstete, die heute morgen Ihre Schuhe gewichst hat
und mit der Sie so intim sind, dass die Dame Haare auf Ihrer Jacke und Schuhcreme-Flecken
auf Ihrem Kragen hinterlässt.«
»Wunderbar!« rief Professor Thorpe begeistert aus.
»Wunderbar?! Sie sind wohl nicht mehr ganz bei Trost, Thorpe!« empörte
Withers sich. »Wenn Mister Holmes wirklich auf alle Fragen eine Antwort
hat, dann soll er uns doch verraten, wen Sie korrumpieren mussten, um Ihre Approbation
zu erhalten!«
Ein erneutes Raunen erfüllte den Raum.
»Withers!« zischte Thorpe.
»Nun, Dr. Withers, Sie verstehen sicher, dass es besser für mich
ist, meinen Auftraggeber nicht zu kompromittieren«, lächelte Holmes,
eh er sich verschwörerisch zu Withers hinüberbeugte und flüsterte.
»Aber falls Sie der Name so brennend interessiert, finden Sie ihn auf
der monatlichen Einzahlungsquittung über 4 Guinneas 7 Schilling in Professor
Thorpes rechter Manteltasche.«
Dann richtete Holmes sich wieder zu voller Größe auf, nahm eine Zigarette
aus seinem goldenen, reich verzierten Etui und entzündete sie mit einem
Streichholz.
»Nun, meine Herren, ist es an der Zeit, dass ich mich zu dem misslichen
Vorfall äußere, weswegen Professor Thorpe mich hierher bestellt hat.
Was Sie suchten, ist wohlbehalten wieder zurück und Sie fragen sich nun,
wer Professor Benthams Kopf entwendet hat.«
»Ich frage mich eher, was der Ire damit anstellen wollte!« fiel
Withers ihm ins Wort, wobei sich sein Schnurrbart sträubte.
Holmes hingegen amüsierte sich scheinbar prächtig und blies Rauchringe
in die Luft.
»Da oben im Norden haben die Menschen vielleicht komische Bräuche,
aber ich bezweifle, dass sie dafür Köpfe Londoner Professoren benötigen.
Nein, Sir, wenn Sie wirklich wissen wollen, was passiert ist, sollten Sie Dr.
Walken fragen.«
»Dr. Walken?« rief Thorpe überrascht aus. »Was sollte
er denn mit Professor Benthams Kopf anfangen?«
»Nichts«, gab Holmes zu. »Diese Entführung war ein eher
unfreiwilliger und spontaner Nebeneffekt.«
»Sie sprechen in Rätseln, Mister Holmes.«
»Nun, Doktor Walken«, ermutigte Holmes den jungen Arzt. »Erzählen
Sie Ihren Kollegen von Ihrem Großvater und dem Brief in Professor Benthams
Gesäßtasche, von Ihrer Schwester und der Université des Bonnes
Arts in Paris.«
»Ich glaube, Sie schulden uns eine Erklärung, Walken!«
»Und Sie schulden mir und meinem Freund hier acht Guineas, Professor Thorpe.
Doktor Watson kann Ihnen eine Quittung schreiben«, sagte der große
Detektiv und verließ den Ort des Geschehens.